Die moderne Welt ist vieler Herausforderungen beraubt. Keiner muss mehr wilden Tieren entkommen oder Holz für das Feuer in der Wohnhöhle sammeln. Eine vergleichbar gefährliche und dringende Aufgabe gibt es aber auch noch in  der heutigen Zeit – den Besuch im Supermarkt!

Einmal hin, alles drin

Es ist ein gewöhnlicher Tag in einem gewöhnlichen Supermarkt. „Einmal hin – alles drin“ verkündet die Sprechanlage. Schön wär’s, denn für das Bio-Hirsemehl fährt die Frau Schniedbrödder-Kamp später nochmal die 23 km mit dem 87er Volvo  bis zum nächsten Biomarkt. Die Welt retten in kleinen Schritten.

Ich brauche eigentlich nur Milch und Toastbrot, kann aber bei Erdbeerjoghurt, der in Wirklichkeit keine Erdbeeren enthält, und bei maximal-pigmentierten-afro-küssen nicht widerstehen. Außerdem kaufe ich noch eine Flasche Wasser, die extra für mich aus Frankreich herangeschafft wurde, obwohl zwischen hier und dem Quellort geschätzte 728 Mineralquellen mit besserem Wasser liegen. Etwas mit solch einem CO2-Fußabdruck muss einfach gut sein.

Ich nähere mich nun  der Kassenzone und versuche unauffällig zu wirken. Die alten Leute können meine Angst riechen, davon bin ich überzeugt. Und wenn sie erst Witterung aufgenommen haben, suchen sie jede noch so kleine Ritze ihrer Handtasche umso gründlicher nach Kleingeldreserven ab.

Aber nicht mit mir, im letzten Moment wechsle ich die Kassenschlange und tausche den Rentner vor mir gegen die Mittelstands-Hausfrau beim Wocheneinkauf. Diese gehört zu jenem weit verbreiteten Typus, der alle Artikel ausschließlich von der jeweiligen Billig-Eigenmarke kauft, mit Ausnahme jener Dinge, die andere Leute sehen können. Natürlich bekommt das Kind Milchschnitte mit in die Schule, und wenn die Kreuzhubers von Gegenüber zum Pokern kommen muss Rocher auf den Tisch, Die Rate für den 5er – BMW will halt bezahlt werden, das ist aber noch lange kein Grund, mit dem Autokauf erworbenes Prestige durch Gut&Güntig-Salzstrangen in Gefahr zu bringen.

Die deutsche Revolution

321241235_d0bda36a8f_z

Dass „der Deutsche“ eher nicht zum Revoltieren neigt ist ja bekannt, ob er nun belogen oder belauscht wird nimmt er mit einem Schulterzucken hin. Eine Sache,wo der deutsche Verbraucher aber keinen Spaß versteht, ist wenn es die Möglichkeit zum Sparen gibt. Um nur einige mickrige Cents zu sparen wird Lebenszeit und Würde geopfert wie sonst nur am Nachmittag bei RTL2. Ein System welches dieses Grundbedürfnis bedient kennen wir alle – Payback!

Es reicht aber nicht mehr diese vermaledeite Karte vorzuzeigen, das machen ja inzwischen alle, nein man muss zeigen dass man besonders bemüht und gerissen ist im ständigen Wettstreit um das beste Konsumprofil. Da werden Zettelchen gesammelt, gedruckt und kombiniert. Gerüchteweise werden in ersten deutschen Küchen  bereits Flipcharts angeschafft um die ideale Produktkauf und Punkteerlös-Kombination visualisiert ermitteln zu können.

Die Frau vor mir hat dieses Spiel beinahe bis zum Endboss gespielt, und kombiniert nun gekonnt 10fach-Punkte auf spanische Konservenprodukte mit 500 extra-Punkten für den Einkauf an einem Mittwoch mit ungeradem Datum. Darüber hinaus hat Sie Rabattmarken der „Kauf 3, bezahl 2“-Aktion für Socken und ein schlecht gefälschtes Los der Supermarkt-Tombola dabei, welches die Kassiererin ihr aber nicht durchgehen lässt.

Endlich Zeit für mich

Während die Frau vor mir und die Verkäuferin in einer Mischung aus arabischem Basar und Stasi-Verhör um Punktegutschriften feilschen, frage ich mich das erste mal wie lang der Toast in meinem Wagen wohl haltbar ist. Nachdem ich diesen Blog-Post auf einem Handy von 1994 mit nur einem Finger und ohne T9 getippt habe, und im Anschluss alle Folgen von Lindenstraße zuerst per EDGE heruntergeladen und dann noch angesehen habe, werde ich langsam ungeduldig. Sämtliche „Warten sie, ich hab’s passend“-Rentner an den anderen Kassen waren bereits friedlich entschlafen   wieder zu Haus.

Grade in dem Moment, als ich meine gute Erziehung vergessen wollte, war die Frau vor mir fertig und ich konnte bezahlen. Als die Kassiererin nach meiner Payback-Karte fragte war ich kurz versucht ihr „Nix kriegst du, du Dämon aus der Hölle!“ entgegen zu schreiben

 

Dann gab ich ihr aber meine Karte. Aber ohne auch nur einen Coupon!

FUCK THE SYSTEM … wenigstens ein bisschen!

Beitragsbild  ‚Supermarkt in Bozen‘ vom Thomas Brauner bei Flickr

 

 

Share on Google+Share on TumblrTweet about this on TwitterShare on Facebook