Die letzte Revolution auf deutschem Boden ist kaum bekannt, dabei fand sie genau hier, im Rhein-Ruhr-Gebiet statt. Vor 95 Jahren hatte das Ruhrgebiet eine rote Armee, wenn auch nur für ein paar Wochen.

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© Deutsches Historisches Museum, Berlin

Deutschland ist nach dem 1. Weltkrieg ein zerrissenes Land. Linke und rechte Extremisten kämpfen um die Macht in der noch jungen Republik, während die SPD-Regierung in Berlin von beiden Lagern gleichermaßen keinen Rückhalt erfährt. Das Gebiet westlich des Rheins ist noch besetzt.

 

Der Kapp-Putsch und sein Echo im Ruhrgebiet

"Essener-Arbeiter-Zeitung" vom 13. März 1920

„Essener-Arbeiter-Zeitung“ vom 13. März 1920

Es ist der 13. März 1920. In Berlin rücken Soldaten ins Regierungsviertel ein, erklären die Reichsregierung für abgesetzt und Wolfgang Kapp zum Reichskanzler (Kapp-Putsch). Die Reichswehr verweigerte den Kampf gegen die aus Freikorps bestehenden Putschisten, stammten diese doch aus den eigenen Reihen („Truppe schießt nicht auf Truppe“).
Die Regierung flieht daraufhin nach Süddeutschland und ruft von dort zum Generalstreik auf. Gleichzeitig fordern linksgerichtete Parteien und Organisationen, aber auch gemäßigte Liberale, zum Protest auf. SPD, USPD und KPD verfassen einen gemeinsamen Aufruf zur „Erringung der politischen Macht durch die Diktatur des Proletariats“.

Am lautesten erfolgt der Widerhall in den großen Arbeitersiedlungen und Fabrikhallen des Ruhrgebiets. Man muss aus heutiger Sicht sicherlich die Gesinnung der Arbeiter, die unverzüglich ihre Arbeit niederlegen, dahingehend relativieren, dass es nicht primär um die Errichtung linker Gesellschaftsformen wie Sozialismus oder Kommunismus ging, sondern vielen schlicht auch um die Verteidigung der erst jungen Demokratie, die durch rechte und konservative Kräfte ernsthaft bedroht wurde. Der Kampf an Rhein und Ruhr war mehr als nur linke Revolution.

Schnell kommt es zu Demonstrationen und Unruhen, in einigen Orten des Ruhrgebiets übernehmen lokal gebildete „Vollzugsräte“ die Macht. Innerhalb kürzester Zeit wird die „Rote Ruhrarmee“ aufgestellt, als Gegenpol zu den konservativ-rechten Freikorps und als neue Exekutive, die vielerorts Aufgaben von Polizei und Armee übernimmt. Die Besonderheit, dass das Ruhrgebiet nach dem verlorenen ersten Weltkrieg praktisch entmilitarisierte Zone ist, fördert das Vordringen der Arbeiter natürlich.

Gedenktafel am Bahnhof Wetter

Gedenktafel am Bahnhof Wetter

Bereits am 15. März kommt es in Wetter zu einem ersten Zusammentreffen von linken Kampfverbänden mit einer Vorhut des Freikorps Lichtschlag. Die Freikorps-Kämpfer werden am Bahnhof gestellt und nach ihrer Gesinnung gefragt. Nachdem sie sich auf die Kapp-Regierung berufen beginnen Kampfhandlungen, die mit der Niederlage der Freikorpskämpfer endet.

Zwei Tage später, am 17. März kommt es zur Schlacht mit der Hauptstreitmacht des Korps, welches aufgrund seiner brutalen Vorgehensweise auch als „Freikorps Totschlag“ bezeichnet wurde, die mit dessen Niederlage. Die Stadt Dortmund wird durch die Rote Ruhrarmee besetzt, die mit einer Stärke von  50.000 bis 80.000 Mann Tage später nahezu das gesamte Ruhrgebiet kontrolliert.

 

Nach dem Kapp-Putsch – Die Ruhr bleibt rot

Obwohl der auslösende Putsch bereits nach 5 Tagen niedergeschlagen wird, kehrt an der Ruhr keine Ruhe ein. Aus dem Verteidigungskampf ist eine kleine Revolution erwachsen, die bereits zu viel Fahrt aufgenommen hat. Die Tatsache, dass die Regierung es unterließ die führenden Köpfe des Putsches hart zu bestrafen, und auch dass die Konsequenzen innerhalb des Militärs sehr überschaubar blieben, begünstigte diese Stimmung mit Sicherheit immens.

So bildet sich am 20 März der Zentralrat der Arbeiterräte, die in Teilen des Ruhrgebiets die Macht übernommen haben, mit Sitz unter anderem in Essen und Hagen. Die Bewegung insgesamt ist sich jedoch uneins – die Hagener Zentrale ist relativ gemäßigt, während z.B. in Duisburg bzw. Mühlheim anarchistisch motivierte Gruppen die Oberhand gewinnen.  Insgesamt dominieren im östlichen und südlichen Teil des Ruhrgebiets gemäßigte Kräfte, während im Westen Syndikalisten und Linkskommunisten vorherrschen.

Rotarmisten in Dortmund

Die Regierung in Berlin entsendet den Sozialdemokraten Carl Severing für Verhandlungen mit den Aufständischen, aus welchen das sogenannte Bielefelder Abkommen erwächst, das jedoch abgelehnt wird. Grund dafür sind unter anderem die beschriebenen Differenzen  innerhalb der Bewegung, Während die gemäßigten Kräfte die Vereinbarung annehmen wollen, wird dieses von den Radikalen abgelehnt.

Zusätzlich erhitzt die eigenmächtige Verschärfung des Ultimatums durch Oskar von Watter, den regionalen Militärbefehlshaber,  die Lage. Dieser fordert die Abgabe von vier schweren und zehn leichten Geschützen, 200 Maschinengewehren, zehn Minenwerfern, 20.000 Gewehren, 400 Schuss Artilleriemunition, 300 Schuss Minenwerfermunition und 100.000 Schuss Infanteriemunition bis spätestens 11 Uhr am 30. März. Eine Forderung die schon aus logistischen und organisatorischen Gründen nicht zu erfüllen ist.

Als Reaktion auf die gescheiterten Verhandlungen stellt die Reichsregierung ein Ultimatum bis zum 30. März auf das der Essener Zentralrat mit erneuter Proklamation des Generalstreiks antwortet. Daran beteiligen sich mehr als 300.000 Bergarbeiter (rund 75 Prozent der Belegschaften). Im Anschluß fallen auch Düsseldorf und Elberfeld in die Hände der Arbeiter. Bis Ende März ist das ganze Ruhrgebiet erobert.

 

Die Lage eskaliert

003 Roten Ruhrarmee Freikorps Reichswehr Ruhraufstand 1920

© ruhr1920.de

Die Lage ändert sich, als Anfang April die Reichsregierung beginnt, nun mit mehr Nachdruck, militärisch gegen die Aufständischen vorzugehen. Trotz der großen Zahl an Männern, ist die Ruhrarmee ihren Widersachern im Hinblick auf Organisation und vor allem Ausrüstung heillos unterlegen, und so mehren sich langsam Verluste und Niederlagen.

Am 31. März erschießt die Reichswehr an der Zeche Radbod in Bockum-Hövel die ersten Aufständischen. Am 1. April kommt es zu einem blutigen Gefecht bei Pelkum. In den ersten Apriltagen werden dort 150 bis 300 Arbeiter und Arbeitersamariterinnen getötet.

Aufgrund der Aussichtslosigkeit der Lage,  beschließt die Führung in Essen Anfang April den bewaffneten Kampf einzustellen. Ungeachtet dessen, oder aufgrund schleppender Kommunikation, intensiviert die Regierung ihre Bemühungen zur Niederschlagung mit Waffen, und erteilt General von Watter am 2. April 1920 „volle Freiheit des Handelns, zu tun, was die Lage gebietet“. Dies bedeutet ein Vorgehen mit höchster Brutalität inkl. regelmäßiger standrechtlicher Erschießungen. Gefallene Rotarmisten werden zudem häufig, zur Abschreckung, an Ort und Stelle liegen gelassen.

Die Gräueltaten der Regierungstruppen übertreffen bei weitem die Ausschreitungen der Ruhrarmee. Wer bei seiner Festnahme bewaffnet ist, wird sofort erschossen, das gilt auch für Verwundete. Hausdurchsuchungen und Ausgangssperren sind die Regel. Viele der Rotarmisten fliehen ins bergische Land, da die Reichstruppen in die dortige britischen Besatzungszone nicht einrücken kann.

Als Ironie der Geschichte ist zu erwähnen, dass sich unter den Reichstruppen auch die Marinebrigade Loewenfeld befindet, die drei Wochen zuvornoch am Kapp-Putsch beteiligt war. Am 12. April untersagte General von Watter seinen Soldaten „gesetzwidriges Verhalten“, nachdem die Reichregierung nach Berichten aus dem Kampfgebiet beriets am 03. April standrechtliche Erschießungen untersagt hatte . Am 6. April rückte die Reichswehr in Dortmund ein. gleichzeitig findet in Gelsenkirchen das letzte Gefecht statt.

Der Ruhraufstand ist zu Ende. Die Aufständischen haben weit mehr als 1000 Tote zu beklagen, Reichswehr und Freikorps etwa 250.

 

Und heute?

Denkmal für die Gefallenen Freikorps-Kämpfer in Essen-Horst

In vielen Städten finden sich Gedenkstätten oder zumindest Gedenktafeln. Einige Gedenkstätten wurden allerdings auch im dritten Reich zerstört. In diese Zeit fällt auch die Errichtung des Denkmals in Essen Horst, welches allerdings nicht die Arbeiter, sondern die Toten Freikoropskämpfer würdigen sollte.

Mich fasziniert die Geschichte des Ruhraufstands grade deshalb, weil sie so verborgen scheint, weil man nicht in der Schule damit traktiert wurde, und weil sie zeigt welch ein fragiles Gebilde dieses Land kurz nach dem ersten Weltkrieg war. Ich habe unabhängig von politischen Lagern tiefen Respekt für die Männer, die damals zum Schutz der Republik zu den Waffen griffen, obwohl sie diese 2 Jahre zuvor erst ablegen durften, ohne die politischen Hintergründe bewerten zu wollen.

 

>> Quellen und weitere Informationen

– Die Seite ruhr1920.de bietet ein viele Informationen, besonders zu den Orten, den Gedenkstätten und darüberhinaus Kartenmaterial.

– Auf den Seiten des LWL findet man eine Chronik der Ereignisse.

– Bei Youtube gibt es eine NDR-Dokumentation aus dem Jahr 1979 von Dr. Heiner Herde zum Thema, ich welcher auch Augenzeugen zu Wort kommen.

– Das deutsche historische Museum Berlin gibt einen kurzen Überblick über die Ereignisse,

– Eine besonders gute, in Google-Maps eingebundene Übersicht, findet sich hier.

– Das Gelsenzentrum beschäftigt sich sehr ausführlich mit den Ereignissen von 1920.

Natürlich steht auch bei Wikipedia einiges, von dort stammen auch die nicht mit Quellenangabe versehenen Bilder aus diesem Artikel.

 

ruhr_1920_1921Viele Quellen sind natürlich stark von einem Weltbild geprägt, die meisten aus dem linken Lager, die das Geschehen sehr glorifizieren. Es gibt aber auch rechte Quellen, auch wenn diese es mitunter mit den genauen geschichtlichen Details (1921?), wie so häufig, nicht ganz genau nehmen 😉

 

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